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Willkommen

 

Die Stille wurde nur durchbrochen von dem Stöhnen Verwundeter und Sterbender. Freund wie Feind einträchtig vereint im Tode. Riesige Wolken von Aasfressern hockten auf der Steppe, den Leichen, die das Schlachtfeld bedeckten, ließen sich nur selten stören von den Kriegern, die über das Feld gingen, versuchten, die Lebenden zu bergen. Oder ihnen den Gnadenstoß zu versetzen. In der Ferne, hinter dem nächsten Hügel, stieg der Rauch hunderter, tausender Lagerfeuer auf. Manchmal, wenn der Wind drehte, brachte er die gequälten Schreie der Unglücklichen mit, die gefangen worden waren. Sie gönnte ihnen lieber einen raschen Tod, als in die Hände der Razigu und Ghuls zu fallen.
Hinter ihr breitete sich das eigene Lager aus. Sie musste sich nicht umdrehen, um das hektische Treiben vor Augen zu haben. Vorbereitungen auf die nächste Schlacht wurden getroffen. Offiziere brüllten Befehle, Khakumons fauchten gereizt, Krieger und Kriegerinnen fluchten. Dunkle Wolken bedeckten dräuend den Himmel, in dem stummen Versprechen, das Blut und die Gewalt fortzuwaschen.
Wenn es doch nur helfen würde.
Drei Tage hielt die Schlacht nun schon an, und es war kein Ende in Sicht. Der Feind war stark, noch immer viel zu stark, und nur ein Wunder könnte sie noch retten. Aber dies war kein Kampf, der sich ehrenvoll beenden ließ. Es ging um die nackte Existenz. Ohne Kompromisse, und ohne Gnade. Den dunklen Horden schienen die Verluste kaum zu schmerzen, und jeder einzelne Tote der Menschen fiel fünffach ins Gewicht. So viele Tote.
Sie schloss die Augen, versuchte auch die Ohren zu verschließen, vor den Schreien, dem Stöhnen, dem Wispern der Geister, die sie verfluchten, weil sie, sie ganz allein, sie in den Tod geführt hatte. Doch der Gestank war noch immer da, das Wimmern klang in den Ohren, und die vorwurfsvollen, starren Augen der Toten hatte sich unwiderruflich in ihr Gedächtnis gebrannt.
„Lady Jikaila! Wir haben Nachrichten von der Westflanke.“
Der Kurier riss das Khakumon hart am Zügel, Erde und Schlamm spritzte auf, als das Tier schnaubend und mit bebenden Flanken zum Stehen kam, und der Junge fast aus dem Sattel fiel vor Aufregung. Die Jikaila seufzte, und drehte sich dem Boten zu, nahm die Nachricht entgegen.
Es begann zu regnen.

 

Flackern.

 

Blut. Überall Blut. An ihren Händen, auf dem Boden, den Wänden. Der Gestank lastete wie eine schwere Wolke in dem Raum. Wo kommt nur all das Blut her?
Regen prasselte wie ein feuriger Trommelschlag gegen die Fensterscheibe. Sie starrte auf ihre Hände herab. Mit einem dumpfen Poltern fiel das Schwert zu Boden. Der Blick hob sich, glitt durch den Raum, der so eng erschien. So erstickend eng. Ihre Bewegungen waren ruhig, gefühllos. Sechs Männer lagen dort. Es war ihr Schlafzimmer. Wie waren die Männer hier herein gekommen? Ah, ja. Durch die Tür. Sie stand noch offen. Ein siebter Mann lag halb aus dem Raum heraus, der Bauch aufgeschlitzt. Die Gedärme hingen wie Girlanden über den Unterleib. Sie bemerkte … nichts. Nicht einmal der Atem war beschleunigt.
Auf dem Bett lag sie. Die Glieder brutal zusammen geschnürt, einen dicken Knebel, der ihr Wimmern erstickt klingen ließ, die Augen verquollen, das Gesicht angelaufen von einem Schlag, die Schläfe aufgeplatzt. Sie war wach, sah zu ihr, aus geweiteten, ängstlichen Augen.
Die Jikaila trat ans Bett heran. Beiläufig warf sie einen Blick herunter. Einer der Krieger lag im Wege. Er lebte noch, röchelte leise, und presste die Hand auf den Stumpf der anderen. Die zweite Hand des Mannes war nicht zu sehen. Aber seine dunklen Augen, die von Panik erfüllt zu ihr hoch starrten. In selber Beiläufigkeit stellte sie den Fuß auf seinen Kopf, seine Schläfe, und mit einem kurzen, harten Tritt brach sie ihm das Genick. Das Leben in den Augen erlosch.
Ihr Blick ging wieder zu der Frau auf dem Bett. Sharea. Geliebte Sharea. Warum siehst du mich so an? Sie blieb an der Seite des Bettes stehen, streckte die blutige Hand aus, um ihr über die Wange zu streicheln, wollte ihr sagen, dass alles wieder gut würde. Sharea zuckte zurück, und Tränen flossen ihr Gesicht herab, während die Panik in den Augen flackerte.
Angst vor ihr.
„Es tut mir so leid,“ wisperte die Jikaila. „Das wollte ich nicht.“

 

Flackern.

 

Wie in stillem Gebet war sie auf die Knie gesunken, den Blick zu Boden gerichtet. Die Erde war nicht frisch, aber die Blumen auf dem Grab waren es. Ihr blondes Haar, von Grau durchzogen, hatte sich aus dem dicken Zopf gelöst, klebte ihr auf den Wangen, in der Stirn, und der Regen prasselte herab, hatte sie bereits bis auf die Knochen durchnässt, und verschleierte die Tränen.
Zehn Jahre, und es schmerzte noch immer. Nicht so sehr wie am ersten Tag, aber dafür tiefer. Seit Stunden kniete sie bereits hier, hatte wortlose Zwiesprache gehalten mit ihm. Erzählte von den Kindern. Den Enkeln. Wie gut sich Avidon auf der Akademie machte. Und dass er offenbar vor hatte, in des Großvaters Fußstapfen zu treten. In seine Fußstapfen. Bereits jetzt zeichnete sich ab, dass er die Akademie mit Auszeichnung verlassen würde.
Sie erzählte ihm von dem Alltag, den kleinen Wehwehchen. Dass ihr das Bein in letzter Zeit mehr zu schaffen machte. Eine alte Kriegsnarbe. Er wusste schon, damals. Gegen die Schattenabkömmlinge. Immer wieder. Sie wusste auch, dass es nicht das erste Mal war. Nicht das erste Mal dieser Kampf. Nicht das erste Mal dieses Leben. Und dass sie es sich nie gewünscht hatte, das wusste sie auch. Zumindest in diesem Leben nicht. Und in manch anderen auch nicht.
Schlimmer war es, wenn sie sich erinnerte an andere Zeiten, wo sie die Macht genossen hatte. Aber Macht korrumpiert. Vor allem, wenn man sich damit anfreundet.
Und wenn sie Glück hatte, würde sie sich beim nächsten Mal nicht daran erinnern. Sie wünschte es sich. Für sich selbst. Das eigene Seelenheil.
Schritte näherten sich über den Kiespfad, in der herab sinkenden Dämmerung. Im nächsten Moment fiel ein Schatten über ihren Kopf, ein Regenschirm, der das Wasser abhielt. Ihre Tochter war ein gutes Mädchen. Müde sah sie hoch, streckte eine Hand aus, und ließ sich auf die Füße helfen. Schweigend.
Eigentlich war sie zu alt dafür. Stundenlang im Regen vor Gräbern herum knien. Es würde sie eines Tages noch umbringen. Der Gedanke ließ ein Lächeln auf den alten Lippen entstehen.
„Gehen wir nach Hause, mein Mädchen.“

 

 

Flackern. Flackern. Flackern!

Die Macht erfüllte sie, bis sie glaubte, sie müsste jeden Moment bersten. Reinste Energie, geboren aus Schwärze, erfüllte sie, ließ die Augen schwarz glühen, unnatürlich. Die Feinde, diese jämmerlichen Schwächlinge, sie stoben in Panik auseinander, wo sie auftauchte. Ein Tentakel glitt aus den Schatten heran, schlang sich um einen der Fliehenden, und riss ihn in der Luft auseinander. Sie lachte, als das Blut spritzte, und sie die beiden Körperhälften den panikerfüllten Verteidigern hinterher warf.
Leichen pflasterten ihren Weg, wo sie entlang schritt, regnete es Tod. Und eine leise Stimme flüsterte in ihren Hirnwindungen, lockend, süss, betörend. Du kannst noch mehr. Niemand kann es mit dir aufnehmen. Nicht einmal deine vermeindlichen Herren. Töte sie. Vernichte sie. Alle. Sie haben es verdient, sie alle. Du weißt doch, was sie deiner Familie angetan haben. Die Razigu. Die Ghuls. Die Alten. Jeder einzelne würde die Rechnung zahlen, und die Rache würde fürchterlich sein. Bald, ja, bald brauchte sie dieses finstere Schattenpack nicht mehr, dann war sie selbst stark genug, es mit ihnen aufzunehmen, und zur Not gleichzeitig. Sie war die Jikaila. Sie war unsterblich. Niemand konnte ihr das Wasser reichen.
Lebendig gewordene Schatten stießen die Torflügel auf, die in den Thronsaal führten. Dort hatte sich eine letzte Gruppe formiert, um Widerstand zu leisten, und das taten sie erbittert. Sie erkannte den Etnal Krosu in der Gruppe, wie er zur Tür sah, als sie sich öffnete, zu ihr. Und sein Blick verfinsterte sich, vor Wut, Hass, Leid. Die Schatten in ihr wisperten, brausten auf, in einer Kakophonie aus Seufzern, so laut. So leise, wie das Rascheln der Blätter, vom Wind bewegt. Sieh, Jikaila, dies ist dein Werk. Und ihre Stimmen waren von Stolz erfüllt.
„Sieh, Jikaila. Dies ist dein Werk,“ sagte der Krosu, mit bebender Stimme.
Die Kämpfe erstarben, Freund und Feind standen einander gegenüber, spürten, dass hier die Entscheidung nahte. Wenn der Krosu fiel, dann war es vorbei. Die Feste ganz einzunehmen wäre wie Blumen pflücken. Sie lächelte, und sah dabei nicht, wie grausam es wirkte.
„Ist das alles, was du zu bieten hast, Etnal Krosu? Deine Vorbereitungen waren nichtig. Hier einzufallen … war wie Blumen pflücken.“
Sie sah, dass ihre Worte trafen. Wie lang war es her, dass sie gemeinsam gegen den Schatten gekämpft hatten? Aber sie wusste es inzwischen besser. Es war besser, den Schatten zu benutzen, als gegen ihn zu kämpfen.
Sie näherten sich einander, und jeder wusste um die Stärken und Schwächen des anderen. Zumindest war es einmal so. Aber sie ist über sich selbst hinaus gewachsen. Der Krosu hob sein Schwert.
„Bringen wir es zu Ende.“ Sie lächelte noch immer. Für einen Moment empfand sie ein wenig Bedauern. Sie hatte ihn einmal geliebt. Hatte ihm angeboten, weiter an ihrer Seite zu bleiben. Aber nein, dieser verfluchte Sturkopf musste ja auf der Seite der Verlierer bleiben. Die Jikaila würde nicht mehr verlieren. Am Ende war er unwichtig. Ein nichtiges Ärgernis, für das sie nicht einmal die Schatten benötigte. Berechnend beobachtete sie den inneren Kampf, den er ausfocht, als sie das Katana zog, und sich ihm entgegen stellte. Er war in seinen Augen zu lesen. Dieser Narr, er hoffte noch immer, dem Kampf aus dem Weg zu gehen. Irgendwie. Aber sie konnte es sich nicht leisten, ihn am Leben zu lassen. Er war wie sie. Nur um so vieles schwächer. Begegnungen wie diese hatte es schon zu Hunderten, zu Tausenden gegeben. Jeden Zyklus aufs Neue. Aber dieses Mal würde es enden. Sie würde seine Seele nehmen.
Stahl blitzte im flackernden Licht der Öllampen auf, und außer dem Klirren von Stahl auf Stahl, als sich die Klingen das erste Mal kreuzten, war es totenstill im Saal, der überfüllt war von Menschen und Schattenabkömmlingen.
Als sich die Waffen das zweite und dritte Mal kreuzten, war der Krosu bereits in der Defensive, verteidigte sich nur noch, und Schweiß trat auf seine Stirn, während sie in seinen Augen sah, dass er wusste, sie spielte nur.
Fieberhaft suchte er nach einem Ausweg, und plötzlich war sie es müde. Zeit, diese Farce zu beenden. Seine Augen weiteten sich, als sie einen Angriff gegen seinen Kopf vortäuschte, und er die Klinge hob, um abzuwehren, doch im letzten Moment riss sie das Schwert herunter, und mit einem hässlichen Knirschen bohrte es sich durch Leder, Stoff und Haut, Fleisch und Knochen. Von seiner eigenen Wucht getragen spießte er sich auf der Waffe auf, kam noch näher, Unglaube und Entsetzen im Blick. Seine schwere Pranke fiel auf ihre Schulter, und sie schüttelte die Hand nicht ab, als sich die Schatten in ihr zusammen zogen, geiferten, nach der Seele des ewigen Kriegers lechzten.
Er sank in die Knie, und sie sank mit ihm herab. Spöttisch zuckte der Mundwinkel, in eigener Grausamkeit gefangen.
„Du hättest ja sagen sollen.“
Er öffnete die Lippen, wie ein Fisch auf dem Trockenen, rang um Atem, während der Griff an ihrer Schulter fester wurde, in einem letzten Aufbäumen. Dann schüttelte er den Kopf.
Sie konnte spüren, wie sich die Seele löste, nur noch an seidenem Faden hing. Gleich, gleich ist es so weit, geiferten die Schatten in ihrem Kopf, rangelten förmlich um den Leckerbissen, dessen sie habhaft werden wollten.
Noch einmal schüttelte er den Kopf, und in den Schmerz, der in diesem herrlichen moosgrün seiner Augen zu sehen war, mischte sich eine andere Regung. Vergebung. Er rang um Atem, doch nur ein leises Wispern kam über seine Lippen. Sie beugte sich vor, um die Worte zu verstehen.
„Ich werde dich immer lieben. Jikaila.“

 

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Mit einem heiseren Schrei fuhr Danja hoch. Die Augen geweitet vor Schreck, die Laken schweißgetränkt, zitternd am ganzen Leib. Unter leisem Aufstöhnen sank sie zurück, schloss die Augen, und fuhr sich mit bebender Hand über das verschwitzte Gesicht.
Diese Träume würden sie eines Tages in den Wahnsinn treiben. Immer wieder, jede Nacht diese Träume.
Sie hörte, wie schwere Schritte vor ihrer Tür verstummten. Stille. Durch die vorgezogenen, schweren Vorhänge drang schwach das Licht des Tages. Ptackas zwitscherten im Garten, bemühten sich, eine Idylle zu vermitteln, die sie nicht empfand.
Nach ein paar Sekunden entfernten sich die Schritte wieder von ihrer Tür. Sie gönnte sich noch einige Augenblicke der Ruhe, bevor sie sich aus dem Bett quälte und ins Bad verschwand.
Ein Blick in den Spiegel zeigte ein hohlwangiges Gesicht, Schatten unter den Augen. Müde Augen. Ihre Hand zitterte noch immer, als sie in die Dusche stieg, den Hahn aufdrehte, und mit dem kalten Wasser die letzten Fäden des Traumes davon spülte.
Jetzt noch ein Kaffee, und die Welt war wieder halbwegs in Ordnung. Solange sie die nächste Stunde keiner ansprach.
Es war immer nur morgens so schlimm. Und abends, wenn es ans Schlafen ging, und sie wusste, dass die Träume wieder kommen würden.

Zwei Stunden später, geduscht, gefrühstückt, Kaffee getrunken und wieder fit für den Tag, schlich sie von der Küche ins Wohnzimmer, lehnte sich in den Türrahmen, eine dampfende Tasse in den Händen, und warf einen Blick über die versammelte Runde, ein schwaches Lächeln auf den Lippen, ein wenig schief, weil sich nur ein Mundwinkel hob.
„Also, Leute. Wem treten wir heute in den Arsch?“

 

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Und manchmal war es wie ein Traum. Eines jener Hirngespinste, die einem vorgaukelten, dass alles halb so wild war, und dass man nicht nur das Recht dazu hatte, sondern dass man wirklich glücklich werden könnte. Es war der Traum vom wahren Glück.
Sie war nicht unglücklich. Das stellte sie in dem Augenblick fest, als sie dort oben stand. Auf der Veranda, und die Klippen herunter sah, auf das Meer, dass sich schäumend und Gischt spritzend an den kantigen Felsen brach. Nein. Sie war nicht unglücklich. Aber sie war auch nicht glücklich.
Die Unbeschwertheit der Kinder, ach, wie sehr sie sich in Augenblicken wie diesen wünschte, sie noch einmal empfinden zu können. Sie schloss die Augen, hörte das helle Kinderlachen hinter sich, und roch die salzige Luft des Meeres. Spürte die Brise, die vom Meer kam, und mit kalten Eisfingern auf ihrem Gesicht prickelte. Sag mir, Danja. Was kannst du tun, um wirklich glücklich zu sein? Und kannst du es dir erlauben, den Preis zu zahlen?
Sie kannte die Antwort nicht. Und wusste nicht, ob sie sie jemals kennen würde. Es war einfach keine Zeit dafür.
Und der Traum vom Glück, er würde sein und bleiben, was er war. Ein Traum.

Der Tod ist leicht wie eine Feder, doch die Pflicht wiegt schwerer als ein Berg.